Chronik-Projekt für Marzahn-Hellersdorf gestartet

Antifaschistische Chronik ist online gegangen.

Die letzten Monate waren für den Bezirk Marzahn-Hellersdorf ereignisreich. Innerhalb kürzester Zeit stieg der Bezirk in der bundesweiten Wahrnehmung in den erlauchten Kreis der großstädtischen No-Go-Areas auf, der Kiez um die Carola-Neher-Straße konkurriert als Statussymbolmit der Brückenstraße in Berlin-Niederschöneweide. Politik und Verwaltung redeten die Probleme der rassistischen Grundstimmung, der nazistischen Agitation und der gewaltsamen Übergriffe immer wieder klein und offerierten als anschlussfähiges Mantra das wohl meistmissbrauchteste Wort dieser Tage: „Ruhe“. Der Verweis auf die Ruhe, die einzukehren habe, wurde für die Ablehnung antirassistischer Proteste genauso benutzt wie für die Entpolitisierung der Vorgänge. Das diese „Ruhe“ von dem rassistischen Mob nicht mitgetragen werden würde, war aber schon früh klar. Übergriffe sind an der Tagesordnung

Das langjährige Kiezprojekt WuT hat sich an die Aufgabe gemacht, diese Ereignisse in einer Chronik aufzuarbeiten, die auch für z.B. journalistische Recherche durch ihre inhaltliche Tiefe und durch die verschiedenen Filter-Tools einen hohen Mehrwert gegenüber den kaum brauchbaren Bezirksquellen und den Pressemeldungen der Berliner Polizei bietet. Für den automatisierten Abruf bietet die Chronik einen RSS-Feed an, der im Übrigen auch zur schnellen Erreichbarkeit und Bündelung der Informationskanäle bei uns in der Seitenleiste eingebunden wurde.

Zur Dokumentation auch das Mission Statement der Chronik:

Auf diesen Seiten dokumentieren wir Aktivitäten im Berliner Randbezirk Marzahn-Hellersdorf, bei denen eine Ideologie von der Ungleichheit der Menschen sich manifestiert oder die politische Grundlage ist. Chroniken dieser Art wurden in der Vergangenheit in verschiedenem Umfang und fluktuierend erstellt. Wir sind bemüht diese Chronik kontinuierlich fortzuführen, Archivbestände in die Datenbank einzupflegen und neue Quellen zu erschließen.

Als unabhängigem Projekt ist es uns möglich auch diejenigen Aktivitäten zu erfassen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht angezeigt werden. Über diese geprüften Berichte von Zeug_innen und Betroffenen hinaus dienen uns die Presse, Pressemitteilungen und das Beobachten von Strafprozessen als Quellen der Dokumentation.

Diese Chronik erhebt jedoch nicht den Anspruch der Repräsentativität und ganz sicher nicht den der Vollständigkeit. Vielmehr ist davon auszugehen, dass die erfassten Aktivitäten einer uns unbekannten Anzahl gegenüberstehen, von denen wir keine Kenntnis haben. Außerdem werden in dieser Veröffentlichung nur die uns bekannten Propagandaaktivitäten dokumentiert, die in ihrer Qualität oder Quantität über das im zeitlichen Kontext gewöhnliche Maß hinausgehen.

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Und die politische Einordnung der Erstellung der Chronik durch WuT:

Wir haben lange gegrübelt in den letzten Wochen: „Sollen wir? Sollen wir wirklich die Pläne aus der Schublade ziehen?“ Nein, nicht der Einsatz internationaler oder interstellarer Militärs zur Sicherung des Friedens zwischen den Menschen ist geplant. Denn es wurde und wird ja gar die unantastbare Menschenwürde, die sich die Deutschen nach Auschwitz in’s Staatsprogramm schrieben, hart strapaziert und sich so mal wieder als idealistisches Bonmot entpuppt.

Nachdem sich das „Antifaschistische Bündnis Marzahn-Hellersdorf“ vor vier Jahren auflöste – wir warten übrigens noch auf eine Erklärung – und nun versprengt in den Universitäten, im Untergrund, in Parlamenten, in Psychiatrien die Subversion probt, fehlte uns ein verlässlicher Partner an einer Dokumentation über „Aktivitäten im Berliner Randbezirk Marzahn-Hellersdorf, bei denen eine Ideologie von der Ungleichheit der Menschen sich manifestiert oder die politische Grundlage ist“1 zu arbeiten, in der Gewissheit dies auch adäquat bewältigen zu können.

Doch die jüngsten Ereignisse um die Einrichtung eines Lagers für Menschen im Asylverfahren haben uns nicht nur die Notwendigkeit vor Augen geführt der Öffentlichkeit die Möglichkeit zu bieten, sich einen Überblick zu den krassen diskriminierenden Verhaltensweisen der meist autochthonen, deutschen Bevölkerung zu verschaffen. Wir haben auch neue Freunde gefunden, denen wir vor allem editorisch und technisch zur Seite stehen. Die sind etwas introvertierter als Daniel Neumanns Bande damals, und entsprechend gewissenhaft.

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